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Wenn Homosexualität lebensgefährlich ist
UN legt erstmals Bericht über staatlich legitimierte Diskriminierung und Gewalt gegen Homosexuelle und Transpersonen vor: “Sodomiegesetze” müssen fallen
Genf – Homo- und transsexuelle Menschen sind überall auf der Welt Diskriminierung und homophober Gewalt ausgesetzt, die bis hin zu Vergewaltigung, Folter und Ermordung reicht. In mindestens fünf Staaten steht die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen.
Erster UN-Bericht zum Thema überhaupt
Das halten die Vereinten Nationen (UN) in ihrem ersten offiziellen Bericht zum Thema fest, der am Donnerstag präsentiert wurde. Die UN fordert die Staatengemeinschaft deshalb auf, lesbische, schwule, bisexuelle und transgender (LGBT) Personen rechtlich besser zu schützen, die Strafverfolgung homo- und transphober Gewalt zu forcieren und diskiminierende Gesetzgebungen aufzuheben. “Homophobe und transphobe Gewalt ist in allen Regionen festgestellt worden. Ihre Ausformungen können physischer Natur sein, worunter Mord, Prügel, Entführungen, Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe fallen, und auch psychischer Natur, wie Drohungen, Erpressung oder willkürlicher Freiheitsentzug”, erklärte die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay.
Historische Resolution
Der UN-Menschenrechtsrat hat den Bericht in Auftrag gegeben, als die Vereinten Nationen im Juni eine Resolution zur Anerkennung der Rechte von Lesben, Homosexuellen, Bisexuellen und Transgender verabschiedeten. Darin verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, gegen Diskriminierung und Gewalt aufgrund sexueller Orientierung zu kämpfen. Westlich-säkulare Länder feierten die Resolution als “historischen” Schritt: “Es sollte nie ein Verbrechen sein, homosexuell zu sein”, formulierte US-Außenministerin Hillary Clinton jüngst in einer Rede vor einem 47-köpfigen UN-Gremium in Genf. Islamische Staaten kritisieren die Resolution allerdings aufs Schärfste.
“Hoher Grad an Grausamkeit”
Der UN-Bericht hält fest, dass LGBT-Personen nicht nur von “spontanen” Gewalttaten bei zufälligen Begegnungen auf der Straße betroffen sind, sondern verstärkt Ziele von organisierter Gewalt durch religiöse ExtremistInnen, paramilitärische Gruppen, Neonazis und anderen RechtsextremistInnen sind. Die Formen der homo- und transphoben Gewalt werden im Bericht als besonders bösartig bezeichnet und ein hoher Grad der Grausamkeit konstatiert. Nicht selten werden LGBT-Personen an den Geschlechtsteilen verstümmelt oder kastriert.
Außerdem geht der 25-Seiten-Bericht auf so genannte “Ehrenmorde” ein, die von Mitgliedern einer Familie oder anderen Gemeinschaft beauftragt und ausgeführt werden, um eine durch queere Menschen verursachte “Schande” wiedergutzumachen.
Ermordungen von LGBT-Personen werden in dem Report ebenso angeführt: In Schweden und den Niederlanden wurden etliche schwule Männer getötet, in Portugal eine Transfrau. Lesbische, bisexuelle und transgender Frauen wurden vor allem in El Salvador, Kirgisistan und Südafrika Opfer von Gruppenvergewaltigungen, Gewalt durch Verwandte und Ermordung.
Staats-Gewalt
Ein weiterer Punkt des Berichts ist die Gewalt durch Behörden wie der Polizei. So werden Angehörige sexueller Minderheiten überproportional häufig in Gewahrsam gefoltert. Beispiele sind der Fall eines schwulen indonesischen Paares, das auf einer Polizeistation von Beamten schwer misshandelt wurde, nachdem sie dort nach einem Angriff von ZivilistInnen auf der Straße ihre Aussage machen wollten. In Brasilien wurde dem Bericht nach ein lesbisches Paar in einer Polizeistation festgehalten, geschlagen und dazu gezwungen, die Beamten oral zu befriedigen.
“Sodomiegesetze” müssen fallen
Wenngleich die Gewalt gegen LGBT-Personen staatlich nicht legitimiert ist, wird oft nicht genügend zur Aufklärung der Verbrechen und ihrer Verfolgung getan. Zugleich gibt es derzeit in weltweit 76 Ländern Gesetze, die Verhalten aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität kriminialisieren. Der UN-Bericht ruft dazu auf, diese aufzuheben: “Solche Gesetze, auch so genannte ‘Sodomiegesetze’, sind Relikte der Gesetzgebung aus der Kolonialzeit [...] Die Strafen reichen von kurzer Haft bis lebenslänglich, und sogar bis hin zur Todesstrafe”, heißt es dort. Die Veröffentlichung des Berichts fiel zeitgleich mit dem Abschluss des “Sodomie”-Prozesses gegen den malaysischen Oppositionsführer Anwar Ibrahim Thursday zusammen. Dieser musste sich die letzten zwei Jahre vor Gericht wegen angeblichen sexuellen Kontakts mit einem erwachsenen Mann verantworten – ein Verbrechen in dem mehrheitlich muslimischen Land, das mit 20 Jahren Haft geahndet werden kann. Das Gericht kündigte sein Urteil bis 9. Januar an.
Lebensgefahr
“In wenigstens fünf Staaten kann das Todesurteil gegen jene verhängt werden, die des einvernehmlichen homosexuellen Sexualkontaktes unter Erwachsenen schuldig befunden werden”, führt der Bericht an. Der nennt diese Staaten selbst nicht beim Namen, aber laut Homosexuellen-AktivistInnen sind es Iran, Mauretanien, Saudi-Arabien, Sudan und Jemen. Demnach sind homosexuelle Handlungen auch in Regionen Nigerias und Somalias lebensgefährlich. (Reuters)